Bildung wird in Kanada großgeschrieben!

Kanadische Kids: ganz schön clever

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Mit acht Prozent ist der Anteil des Bruttosozialprodukts, den Kanada in Bildung investiert, vergleichsweise hoch. Auch bei der PISA-Studie belegt das Land regelmäßig die vorderen Plätze.

Ab vier oder fünf Jahren besuchen kanadische Jungen und Mädchen für wenige Stunden täglich den Kindergarten (Kindergarden), der zumeist im gleichen Gebäude wie die darauf folgende Grundschule (Elementary School) organisiert ist. Ab der ersten Klasse sind die Kinder von 9 bis 15 Uhr in der Schule. In den meisten Provinzen wechseln sie ab Grade 7 oder 8 an die Junior High oder Junior Secondary School. Bis dahin werden die Schülerinnen und Schüler noch in relativ vielen Pflichtfächern unterrichtet. Ab der zehnten (in British Columbia ab der elften) Klasse geht es an die (zumeist im gleichen Gebäude befindliche) Senior High oder Senior Secondary School (in Quebec heißt sie „École Polyvalente“). Dies ist auch die Schulform, die von Austauschschülern besucht wird. Hier wählt man nur maximal acht Schulfächer pro Jahr. Nach zwölf Schuljahren erreicht man den High School-Abschluss (Ausnahme: In Quebec geht man nur elf Jahre zur Schule). Danach besuchen die meisten Kanadier ein praxisbezogenes oder studienvorbereitendes College oder eine Universität.

Das kanadische Bildungssystem

Vom Kindergarden bis zur Uni

Kanadische High Schools werden von allen Jugendlichen gemeinsam besucht, etwa so wie unsere Gesamtschulen. Das führt dazu, dass sowohl akademische Fächer, die auf ein Universitätsstudium vorbereiten, als auch praktisch ausgerichtete Fächer angeboten werden. So können sich die Jugendlichen frühzeitig und entsprechend ihrer Begabungen und Interessen spezialisieren.

Der Unterricht findet inklusiv statt, also gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern, die geistige oder körperliche Handicaps haben. Die oft neuen Schulgebäude sind barrierefrei konstruiert, sodass sich zum Beispiel auch Rollstuhlfahrer selbständig und frei auf dem Schulgelände bewegen können.

Schule ist in Kanada Sache der Provinzen. Das bedeutet, dass die einzelnen Provinzen einen großen Einfluss darauf haben, wie und was unterrichtet wird. Dies entspricht auch dem föderalen System, das wir in Deutschland haben. Eine Ausnahme bilden die Advanced Placement (AP)-Kurse in Stufe 11 und 12, vergleichbar mit Leistungskursen in Deutschland. Sie werden von einigen Schulen angeboten und unterliegen nationalen Standards, da sie als Vorbereitung auf einen Hochschulbesuch dienen. Leistungsstarke Schüler aus Deutschland sollten in Kanada versuchen, auch einen dieser besonders anspruchsvollen AP-Kurse zu wählen.

Canadian Educational System

(some variance by province/territory)

Bildungssystem Struktur

Öffentliche oder private Schule?

Für jeden die passende Schulform

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Das Unterrichtsniveau gilt in Kanada durchgehend als hoch. Bemerkenswert ist, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund ebenso gute Schulleistungen erbringen wie Einheimische – manche Gruppen sogar bessere.

Neben den öffentlichen High Schools gibt es in Kanada auch so genannte Independent High Schools oder Private High Schools. Im Gegensatz zum öffentlichen Schulsystem spielt es hier keine Rolle, ob die Jugendlichen im Einzugsgebiet der Schule leben. Manche Schulen ermöglichen ihren Schülern aus diesem Grund Internatsaufenthalte. In den sogenannten Boarding Schools leben die Schülerinnen und Schüler auf dem Campus und fahren nur an langen Wochenenden und in den Ferien nach Hause. Siehe dazu auch Das Leben an einer Boarding School

Etwa zehn Prozent aller Kanadier besuchen eine nicht-öffentliche High School. Private und unabhängige Schulen müssen den Bildungsstandards der jeweiligen Provinz genügen bzw. gehen in der Regel über den üblichen akademischen Anspruch hinaus. Speziell die kanadischen Boarding Schools gehören sicherlich zu den leistungsstärksten Schulen Nordamerikas. Ein Zeichen für die hohe Unterrichtsqualität kanadischer Privatschulen ist, dass auch geeignete kanadische Schüler, die nicht einem privilegierten Elternhaus entstammen, hier gefördert werden und besondere Lernchancen haben.
Ihr Status und die Einnahme von Schulgebühren ermöglichen es diesen Schulen, ein individuell auf ihre Schülerschaft abgestimmtes Lernumfeld zur Verfügung zu stellen. So sind manche Schulen konfessionell geprägt, alle legen großen Wert auf bestimmte Werte und Traditionen. Damit diese Werte aufrechterhalten werden, ist es den Private und Independent Schools wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler vielfältige Interessen und Eigenschaften wie eine hohe Lernmotivation mitbringen. Gerne wird in diesem Zusammenhang auch vom sog. well-rounded Student gesprochen. Das Bewerbungs- und Auswahlverfahren ist deshalb mitunter aufwendig. Auch Jugendliche aus dem Ausland können sich bewerben und sind gern gesehen in einer internationalen Schulgemeinschaft, wobei diejenigen die besten Chancen auf einen der begrenzten Plätze haben, die ein ganzes Schuljahr oder länger bleiben möchten.

Der Stundenplan

Kurswahl, Schulfächer, Unterrichtszeiten

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Das Schuljahr beginnt in der Regel Anfang September (direkt nach Labor Day, dem ‚Tag der Arbeit‘ am ersten Montag im September) und ist in zwei Semester à fünf Monate aufgeteilt. Das zweite Semester beginnt ohne Pause Anfang Februar und geht bis Ende Juni. Private High Schools verfügen oft über ein drei-Term-System, was einer der Gründe dafür ist, warum für Jugendliche aus Deutschland hier ein Ganzjahresaufenthalt am sinnvollsten ist. Im Sommer gibt es überall etwa zwei Monate Sommerferien, eine Zeit, in der übrigens in vielen Programmen auch für Gastschüler die beliebten Summer Camps angeboten werden. Der Schultag geht normalerweise von 8:30 Uhr bis 15:30 Uhr.

In Kanada wird man entweder nach dem linearen oder nach dem Semester-System unterrichtet. Das lineare System sieht etwa acht Kurse für ein Schuljahr vor, die im täglichen Wechsel unterrichtet werden. An A-Tagen, zum Beispiel Montag, Mittwoch, Freitag, hat man dann vier Fächer, und dienstags und donnerstags, den B-Tagen, wird man in vier anderen Fächern unterrichtet. In der Folgewoche wechseln A- und B-Tage auf die jeweils anderen Wochentage. Im Semester-System hat man jeden Tag eines Semesters die gleichen vier Fächer. Im zweiten Semester belegt man vier andere Kurse. Jedes Schulfach im Blockunterricht statt, was etwa einer Doppelstunde entspricht. Viele Jugendliche, die in dieses Kurssystem hineingeschnuppert haben, empfanden es als positiv: Wenn man drei- oder sogar fünfmal in der Woche eine Doppelstunde in einem Fach hat, ist ein besonders intensives Lernen möglich.

Mithilfe des Guidance Counselors stellst du deinen Stundenplan selbst zusammen. Es kann sein, dass der Schulbezirk ein oder zwei Pflichtfächer vorschreibt, in der Regel Mathe und manchmal Englisch oder eine Naturwissenschaft. Spannend wird es bei den Wahlfächern: Es gibt berufsbezogene Kurse (Office Management, Business and Leadership, Economics), Kurse für Technikinteressierte (Robotics, Webdesign, Aviation, Film Production), künstlerisch Veranlagte (Architecture, Fashion Design, Painting), musisch Begabte (Musical Composition) und Handwerker (Metal Works, Wood Working). Manche Fächer geben einen Einblick in die kanadische Geschichte oder die indigenen Kulturen, und in Sprachkursen kann man Chinesisch, Spanisch oder Japanisch lernen. In Fächern wie Food and Nutrition, Yearbook oder Musical führt man gemeinsam Projekte durch – ideal, um mit den Mitschülern ins Gespräch zu kommen!

Die Ausstattung kanadischer High Schools ist weitaus moderner und umfangreicher als die vieler deutscher Schulen. Man findet dort gut sortierte Bibliotheken, zeitgemäße Sportanlagen und vollständig ausgestattete Chemielabore. Es ist nichts ungewöhnliches, dass in jedem Kursraum Smartboards zur Verfügung stehen und die Schüler mit Laptops arbeiten, die sie zum Lernen und für Hausaufgaben benutzen.

Die Unterrichtssprache

Englisch und French Immersion

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Außerhalb der Provinz Quebec wird in Kanada überwiegend Englisch gesprochen, und auch der Unterricht an den High Schools findet in der Regel auf Englisch statt. Da das Land aber offiziell zweisprachig ist, fördert die Politik auch das Französische und die Bilingualität der Bevölkerung. Vor einigen Jahrzenten wurde deshalb ein Programm eingeführt, das anspruchsvollen Französischunterricht an Public High Schools insbesondere in englischsprachigen Regionen ermöglicht. Auch Private High Schools bieten French Immersion-Unterricht an, denn die Nachfrage unter den anglophonen Jugendlichen ist sehr groß. French Immersion (übersetzt etwa „Französisch-Vertiefung“) richtet sich an Schülerinnen und Schüler, die zwar gute Französischkenntnisse haben, jedoch keine Muttersprachler sind. Hier wird in bestimmten Fächern der gleiche Stoff vermittelt wie im auf Englisch stattfindenden Unterricht. Als Austauschschüler kannst du ebenfalls am French Immersion-Unterricht teilnehmen, wenn du genügend Vorkenntnisse nachweisen kannst.

School Spirit

Eine Schule – ein Team!

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Nicht nur der Unterricht, sondern auch Freizeitaktivitäten finden in der Schule statt. So verbindet man mit Schule nicht nur Verpflichtungen, sondern auch Hobbies, Spaß und Gemeinschaft. Die Identifikation mit der Schule ist es, die Neulinge besonders begeistert. Wenn ein wichtiges Football-Spiel stattfindet, kleiden sich alle in den Schulfarben und feuern die Mannschaft nachmittags gemeinsam an. Wenn du als Team-Mitglied an Spieltagen in Trainingsklamotten durch die langen Schulflure gehst, wollen dich viele Schüler wie Lehrer abklatschen und wünschen dir viel Erfolg. Auch die Marching Band, die Cheerleader und die Team-Manager werden gefeiert. Man ist einfach stolz, dazuzugehören. An Privatschulen wird dies auch anhand der Schuluniform nach außen gezeigt.

Ein besonderes Ereignis ist immer auch Prom. Zumindest bei den Mädchen wird schon Wochen im Voraus eifrig die Outfit-Frage diskutiert. Am Tag der Tage geht man mit Freunden essen und macht viele Fotos, bevor man sich mit dem Rest der Schulgemeinschaft in der aufwendig, häufig gemäß eines bestimmten Mottos geschmückten Aula einfindet. Bis in den späten Abend wird getanzt, manchmal werden Ballkönig und -königin gewählt und alle haben viel Spaß.

Die Lernatmosphäre wird an kanadischen High Schools als positiv wahrgenommen und das Verhältnis zu den Lehrkräften beschreiben viele Austauschschülern als freundschaftlich. Vor dem Unterricht quatscht man mit der Mathelehrerin auch mal über das letzte Wochenende, oder der Geschichtslehrer lädt ein paar Schüler ein, mit ihm bei einem Wrestling-Contest zuzusehen. Die Lehrer haben außerdem am Nachmittag Zeitfenster, in denen sie Schüler fördern, die Probleme mit dem Stoff haben. Sollte dir also eine Lehrkraft das Angebot machen, die Inhalte der letzten Stunde nochmal mit dir durchzugehen, nimm es auf jeden Fall an!

Das Notensystem

Gib immer 100 Prozent!

Die Schulleistungen werden in Kanada in Prozent angegeben.

  • 90 bis 100 Prozent: sehr gut
  • 80 bis 89 Prozent: gut
  • 70 bis 79 Prozent: befriedigend
  • 60 bis 69 Prozent: ausreichend
  • Weniger als 60 Prozent: nicht bestanden

Auch wenn deine Noten während des Auslandsaufenthaltes nicht unbedingt relevant für deine weitere Schullaufbahn sind, solltest du in der High School dein Bestes geben. Schließlich hast du dich dafür entschieden, um ein anderes Schulsystem kennenzulernen und Neues zu lernen. Du wirst feststellen, dass gute und sehr gute Schulleistungen in Kanada mehr anerkannt werden. Wer Erfolg hat, kann richtig stolz auf sich sein und bekommt positive Rückmeldungen, sowohl von der Schule als auch von den Mitschülern. Bedenke außerdem, dass du als Austauschschüler dein Herkunftsland repräsentierst und du mit den Programmbedingungen unterschrieben hast, dass du dich in der Schule anstrengst. Zu schlechte Noten können sogar zum Programmausschluss führen! Spätestens wenn du wieder in deiner deutschen Schule bist und gut im Unterricht mitkommst, wirst du froh sein, dass du dich auch in Kanada im Unterricht engagiert hast.

Internationales

Schulabschluss in Kanada

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Es gibt mehrere Möglichkeiten, in Kanada einen international anerkannten Schulabschluss zu erwerben. Entscheidest du dich dazu, das International Baccalaureate (IB)-Diploma zu absolvieren, besuchst du nach der zehnten Klasse zwei Jahre lang eine kanadische High School, welche Kurse auf IB-Level anbietet. Etliche der privaten Schulen und auch manche öffentliche Schulen bieten diese Möglichkeit. IB-Kurse sind inhaltlich und zeitlich sehr anspruchsvoll und erfordern schon zu Beginn ausgezeichnete Englischkenntnisse. Wenn du darüber nachdenkst, ein IB-Diploma in Kanada abzulegen, ist eine sorgfältige Vorbereitung und eine intelligente Kurswahl notwendig. Welche spezifischen Leistungen erbracht werden müssen, kannst du auf der Website der International Baccalaureate Organization http://www.ibo.org/ nachlesen. Wenn alle Bedingungen erfüllt sind, hast du nach zwei Jahren ein weltweit anerkanntes Abitur in der Tasche, das international ein sehr hohes Ansehen genießt und u. a. auch zum Zugang an Elite-Universitäten berechtigt.

Alle Provinzen vergeben eigene Schulabschlüsse. Die Abschlüsse in Ontario und Quebec können unter bestimmten Bedingungen in Deutschland anerkannt werden: das Ontario Secondary School Diploma bzw. das Diplôme d’Études Collégiales. Die Schulabschlüsse anderer Provinzen und Territorien berechtigen z. B in Deutschland nicht zu einem uneingeschränkten Hochschulzugang, sodass das Risiko groß ist, nicht an der Wunschhochschule aufgenommen zu werden. Das Infoportal zu ausländischen Bildungsabschlüssen der Kultusministerkonferenz (KMK) stellt aktuelle Informationen dazu bereit, mit welchem Abschluss man an welcher Hochschule in Deutschland studieren kann: http://anabin.kmk.org/anabin.html